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Forschungsreaktor München II
(FRM II) in Garching

von Renate Wolff

Der FRM II in Garching, 20 km nördlich der Landeshauptstadt München, ist ein Atomreaktor.

In diesem Atomreaktor wird nicht die Wärme zur Erzeugung von Elektrizität genutzt, sondern mittels der gefährlichen Kernspaltung werden Neutronen für Forschungszwecke produziert.

Betreiber ist die Technische Universität München (TUM). Der Energiekonzern EON finanzierte dafür einen Lehrstuhl. Baubeginn war im August 1996. 2004 wurde er in Betrieb genommen. Ein Bürgerentscheid, der mehrheitlich gegen das neue Atomprojekt stimmte, wurde missachtet.

Das sogenannte ‚Atomei' (FRM I) ging 1957 in Betrieb und genügte den Wissenschaftlern wegen des geringen Neutronenflusses nicht mehr. Es wurde im Jahr 2000 abgeschaltet. Das Atomei war der erste Atomreaktor in der Bundesrepublik Deutschland. Mit ihm wurde der spätere Bau der weiteren Atomreaktoren in Deutschland eingeläutet, so wie der Bau der Atomkraftwerke.

Das Atomei befindet sich nach wie vor im Stadtwappen der Stadt Garching, obwohl es in seiner über 40-jährigen Betriebszeit immer wieder zu Störungen und Freisetzung von Radioaktivität kam. Das Atomei wurde ersetzt durch den neuen FRM II.

Atomwaffenfähiges Uran 235

Im FRM II wird hochangereichertes Uran235 (93%) verwendet, das atomwaffenfähig ist. Auch in den abgebrannten Brennstäben ist das Uran immer noch atomwaffenfähig (89%). Die Entsorgung dieses Atommülls ist deshalb brisanter als bei Atomkraftwerken. Wie bei Atomkraftwerken ist die Atommüllentsorgung auch hier völlig ungelöst.

Neutronenfluss

Der Neutronenfluss des FRM II ist im internationalen Vergleich mittelmäßig. Der FRM II ist somit keineswegs ein ‚Spitzengerät', wie von der Bayerischen Staatsregierung immer behauptet. Die weniger gefährliche Erzeugung von Neutronen für die Wissenschaft ohne Kernspaltung mittels der Spallationsquelle wurde abgelehnt. Die CSU wollte einen mit Atomwaffenstoff betriebenen Atomreaktor. Der FRM II ist der erste Atomreaktor- Neubau in Deutschland nach der Katastrophe von Tschernobyl unter der Tarnkappe ‚Forschung'.

Missachtung der Auflage der Betriebsgenehmigung

Trotz heftiger Proteste der Atomkraftgegner und der Bürgerinitiativen wurde am 2. Mai 2003 die Betriebsgenehmigung für den Forschungsreaktor München II (FRM II) in Garching erteilt. Alle Sicherheitsbedenken wurden abgeschmettert. Die Betriebsgenehmigung enthält jedoch die Auflage, mittelfristig auf einen niedriger angereicherten, nicht atomwaffenfähigen Brennstoff umzustellen. Dies ist bisher nicht geschehen. Es ist auch nicht abzusehen, wann dies geschehen wird. Die Motivation, die Genehmigungsauflage zu erfüllen, ist bei dem Betreiber des FRM II und bei der Bayerischen Staatsregierung gering.

Festakt zur Inbetriebnahme und Protestaktion

Die FRM II-Wissenschaftler feierten sich selbst Arm in Arm mit den atomfreundlichen Politikern Bayerns und dem Segen der Katholischen Kirche durch den damaligen Münchner Erzbischof Friedrich Wetter als die Zukunft des Landes. Dies geschah mittels eines pompösen Festaktes am 9. Juni 2004. Ministerpräsident Edmund Stoiber betätigte feierlich den Starthebel. Kurioser Weise erfolgte die tatsächliche Inbetriebnahme erst Monate später, da es am Tage des Festaktes technische Probleme im FRM II gab.

Bei den Gegendemonstrationen in Garching während der pompösen Einweihungsfeiern hielt Cornelia Stadler für die MÜTTER gegen ATOMKRAFT eine bemerkenswerte Rede.

Auszug aus der Rede:

... Als der Forschungsreaktor gegen den Protest der Bürger geplant wurde, haben viele vor der dauernden Gefahr des atomaren Betriebs gewarnt. Aber kaum jemand konnte sich damals vorstellen, welche Bedrohung von dieser Anlage als Ziel für Terroristen ausgeht.

Was in New York mit den Twin Towers, in Madrid am Bahnhof, in Istanbul vor einer Synagoge oder in Saudi-Arabien geschehen ist, würde durch einen gezielten Angriff auf einen Atomreaktor weit schrecklichere Ausmaße annehmen.

Wie viel Potenzial zur Erpressung liegt darin, dass als Techniker oder Forscher getarnte Angreifer, vielleicht als Selbstmordattentäter eindringen? Vom Forschungsreaktor in Sydney/Australien ist bekannt, dass El Kaida einen Anschlag während der olympischen Spiele im August 2000 geplant hatte.

Der US-Senat will mit Millionenbeträgen einen Schutzschirm gegen Bio- und Chemiewaffen errichten (und offenbar soll die Bevölkerung glauben, dass sie dann tatsächlich geschützt sei!!).

So frage ich mich, welche Schutzmaßnahmen haben sich deutsche Politiker überlegt, um die durchaus reale Gefahr eines Anschlags von außen oder im Inneren dieses Reaktors zu verhindern?

Aber keine Sorge:
Das Bayer. Umweltministerium beruhigt uns heute, im Jahre 2004, auf seiner Webseite: "Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Flugzeug beim Überfliegen eines Kernkraftwerkes abstürzt und dabei ein sicherheitstechnisch wichtiges Teil trifft, ist äußerst gering. Trotzdem werden Kernkraftwerke im Rahmen der Restrisiko-Minimierung gegen Flugzeugabstürze ausgelegt."

Wie dieser Schutz aussehen soll, konnte man dann im Februar von Herrn Schnappauf erfahren: Eine Vernebelung soll das Ziel für Angreifer in Sekundenschnelle unsichtbar machen. Selbst diese wohl eher scherzhaft gemeinte Abwehr ist - wie jede andere auch - für die Garchinger Anlage nicht vorgesehen. Denn hier handele es sich ja nur um eine "Forschungs-Neutronen-Quelle" und die ist nach Auffassung der Bayer. Staatsregierung bei weitem nicht so sicherheitsanfällig wie "richtige" Atomkraftwerke.

Garching müsste sich glücklich schätzen, ein Zentrum für Zukunftstechnologie zu sein. In dem die besten Wissenschaftler aus aller Welt an Projekten arbeiten, die der Menschheit
tatsächlich dienen. Doch dem ist leider nicht so. Nicht zuletzt deshalb, weil dieses Gebäude hermetisch gesichert werden muss. Aber gerade ein derart gefährliches und gefährdetes Gefängnis könnte eine besonders attraktive Zielscheibe sein.

Neutronen für die Forschung kann man intelligenter erzeugen.

Die MÜTTER GEGEN ATOMKRAFT e. V. lehnen dieses neue rückwärtsgewandte Atomprojekt ab.

Störungen im FRM II

Der Umgang mit etlichen Zwischenfällen lässt es sehr fraglich erscheinen, ob Betreiber und Aufsichtsbehörden ihre Aufgaben verantwortungsvoll wahrnehmen.

  • 2006: Es wurden Eisenoxid-Ablagerungen (in den Medien als "Rost" bezeichnet) im Reaktorbecken festgestellt, deren Ursachen bislang nicht geklärt werden konnten und die nicht behoben wurden (Stand: Januar 2013).
  • 2007: Reaktorschnellabschaltung nach Ausfall der Moderatortankkühlung. Bedingt durch Neutronenstöße und Gammastrahlung wird das schwere Wasser im Moderatortank aufgeheizt. Zur Abfuhr der Wärme hat der Moderatortank ein eigenes Kühlsystem.
  • 2009: Nicht vorgabegemäßes Schließen einer Rückschlagklappe im Primärkühlsystem bei wiederkehrender Prüfung. Die Rückschlagklappe ist für den Übergang von erzwungener Kühlung zur Naturkonvektion bei der Nachwärmeabfuhr von Bedeutung.
  • 2009: Schwergängigkeit einer von drei redundanten Rückschlagklappen am primären Kühlsystem.
  • November 2012: Der Reaktor wurde außerplanmäßig heruntergefahren, da eine Überschreitung des Grenzwertes für die Emission des radioaktiven Isotops C14 drohte.

Wir lehnen den Garchinger Atomforschungs-Reaktor FRM II ab!

  • Der FRM II ist der erste deutsche Neubau eines Atomreaktors nach der Katastrophe von Tschernobyl.
  • Der FRM II begünstigt international die Weiterverbreitung von Atomwaffenmaterial (HEU= Highly Enriched Uranium).
  • Der FRM II birgt für die Bevölkerung die Risiken eines Atomreaktors. Es gab seit Inbetriebnahme bereits mehrere Störungen.
  • Der FRM II (Baukosten über 400 Millionen Euro und jährlich hohe Betriebskosten) bindet aufgrund enormer Kosten Finanzmittel, die in anderen Forschungsbereichen, Bildung und Ausbildung fehlen.
  • Der FRM II verschärft die ungelöste Atommüll-Entsorgung.
  • Für die Neutronenforschung gibt es Alternativen!

Wir fordern: Der beschlossene Ausstieg aus der Atomkraft muss auch Atom-Forschungsreaktoren einbeziehen!

Weiterführende Links und Quellen

TZ Online: Münchner Reaktor läuft weiter!

Umweltinstitut: Strahlung in Garching am Limit

Umweltinstitut: International geächtet - in Bayern hochgejubelt

Bürger gegen Atomreaktor Garching e. V.