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30 Jahre nach dem GAU

von Renate Wolff

Der Name Tschernobyl wird für immer mit dem atomaren GAU am 26. April 1986 verbunden bleiben. Bei der Explosion der Kraftwerkblöcke wurde 500 mal mehr Strahlung freigesetzt als durch dem Abwurf der US-Atombombe auf Hiroshima im Jahr 1945.

Bis heute kennt niemand die genaue Zahl der Opfer. Man schätzt, dass 100 000 Menschen den Tod fanden und tausende verstrahlt wurden.

Bis heute leiden die Menschen unter den verheerenden Folgen. Die Gegend um Tschernobyl ist unbewohnbar und wird es über Jahrhunderte bleiben.

Der Ablauf der Katastrophe und der Umgang der Behörden in Bezug auf Information der Bevölkerung hat die ganze Welt geschockt. Plötzlich wurde deutlich, dass Menschenleben und die Gesundheit der Menschen keinen hohen Stellenwert haben.

Die Stadt Prypjat in unmittelbarer Nähe des Unfallgeschehens erfuhr erst Tage nach der radioaktiven Freisetzung davon. Von dort brachte man noch zahlreiche Liquidatoren (insgesamt sollen es 100000 gewesen sein) zum Unglücksreaktor, die zunächst ohne besonderen Schutz die Brände bekämpfen mussten. Erst nach zwei Tagen setzte die Evakuierung der Stadt langsam ein. Nur unter einigen Menschen in Prypjat, die rechtzeitig eine Jodblockade in Form von Jodtabletten einnehmen konnten, wurde die Aufnahme von radioaktivem Jod in der Schilddrüse verhindert und damit die Folgen von Krebs vermindert.

Die Weltbevölkerung erfuhr erst aus Schweden von einem möglichen Unfall, weil dort sehr hohe Strahlenwerte Verwunderung auslösten. Aus der Windrichtung wurde geschlossen, dass ein Unfall in einem Kernkraftwerk in der damaligen Sowjetunion stattgefunden haben musste.

Auch über Europa kam die radioaktive Wolke an und regnete sich ab. In den am stärksten belasteten Gebieten Deutschlands, im Südosten von Bayern, lagen die Bodenkontaminationen bei bis zu 74 kBq/m² 137Cs.

Plötzlich waren Lebensmittel wie frische Milch und frisches Gemüse ungeeignet für den Verzehr. Den Aufenthalt im Freien galt es zu vermeiden.

Mütter kleiner Kinder und Schwangere waren alarmiert und erfuhren nichts von den Behörden. Alles wurde verharmlost. Besorgte Eltern besonders Mütter, wurden für hysterisch gehalten.

Das hat uns gereicht!

Zuerst fanden sich Betroffene, um gemeinsam Milchpulver zu organisieren und dann ging es darum, unabhängige Messungen der Lebensmittel durchzuführen und regelmäßig zu veröffentlichen.

Der GAU von Tschernobyl hat uns wachgerüttelt.

Die Gesundheit und die Zukunft unserer Kinder standen auf dem Spiel. Viele Frauen, die schon vorher in der Friedensbewegung aktiv waren, machten sich nun kundig und stark gegen die Atomkraft.

Der Verein MÜTTER gegen ATOMKRAFT e.V. gründete sich nur drei Wochen nach dem Unfall in Tschernobyl. In zahlreichen Orten gab und gibt es noch heute Regionalgruppen.

Zunächst ging es um die Organisation von unverstrahlten Lebensmitteln, den Austausch von Sand auf den öffentlichen Spielplätzen, um die Messung und Veröffentlichung von Strahlenwerten.

Schnell wurde deutlich, dass sich nichts ändern würde, sobald die öffentliche Diskussion abebbte. Schon bald rührten sich die Atomkraftwerksbetreiber und die Industrie, die sehr gut am Vertrieb und Bau von AKWs verdient hatten und dies auch weiterhin tun wollten. Die Atomlobby behauptete, dass so ein Unfall nur in der technisch desolaten Sowjetunion passieren könne. In einem technisch hoch gesicherten Staat wie Deutschland (Japan) könne so etwas nicht passieren.

Leider musste erst eine weitere Katastrophe (Fukushima) folgen, um endlich zur Einsicht und zum Umdenken zu kommen.

Weiterführende Links und Quellen