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60 Jahre Atomzeitalter - 17 Jahre nach Tschernobyl

Matinée unter dem Motto "Hören - Erinnern - Nachdenken"

27. April 2003 11 Uhr, Fabersaal im Bildungszentrum Nürnberg
Begrüßungsansprache von Kristin Mühlenhardt-Jentz (MÜTTER GEGEN ATOMKRAFT und IPPNW)

Guten Morgen, meine Damen und Herren!

Im Namen der MÜTTER GEGEN ATOMKRAFT und der Regionalgruppe "Ärzte für Frieden und soziale Verantwortung" der IPPNW begrüße ich Sie herzlich zu unserer Matinée "60 Jahre Atomzeitalter - 17 Jahre nach Tschernobyl". - Gestern jährte sich der 17. Tschernobyljahrestag. Wir Mütter gegen Atomkraft und die Ärzte der IPPNW haben - wie viele andere Menschen auch - diesen 26. 4.1986 in unserem Gedächtnis bewahrt. Das Erinnern dieses ersten Supergaus, des größten anzunehmenden Unfalls, in einem Atomkraftwerk ist bereits Teil unseres kollektiven Gedächtnisses geworden. Dieser Erinnerungskomplex wird besonders mit der zyklischen Wiederkehr des Frühlings ausgelöst als Erinnerung einer schockartigen Wahrnehmung von einer zweiten unheimlichen Wirklichkeit, die wir nicht mehr loswerden können. Als Katastrophe von "kosmischem Ausmaß" bezeichnet die direkt betroffene Autorin Swetlana Alexijewitsch die Tschernobylkatastrophe.

Ferner als das Tschernobylereignis ist unserem Gedächtnis das Anfahren des ersten Atomreaktors vor 60 Jahren in Chicago am 2. Dezember 1942 unter der Leitung von Enrico Fermi. Dieses folgenschwere Ereignis ermöglichte erst die weitere Entwicklung der Nukleartechnologie, die Abwürfe der ersten Atombomben und die weiteren Zündungen ober- und unterirdischer Atombomben.

Auch die so genannte "friedliche Nutzung" der Kernenergie durch die weltweit errichteten Atomkraftwerke zur Erzeugung von "sauberer" Energie wurde erst mit Enrico Fermis Anordnung, die erste atomare Kettenreaktion auszulösen, ermöglicht. Diese scheinbar friedliche Variante wird ja bis heute euphorisch von ihren bornierten Anhängern als die ungefährliche Alternative zur militärischen Nutzung der Atomenergie gepriesen: Man erzeuge damit ja nur völlig kontrolliert "saubere" Energie zum Segen der Menschheit.
Bis heute wurde den expertengläubigen Menschen die Hoffnung vermittelt, mit der "friedlichen" kommerziellen Atomnutzung könne man den Traum von der unbegrenzten Energieversorgung verwirklichen.

Unter dem "Mantel der Ehrbarkeit" versteckt konnten so - in der letzten Jahrhunderthälfte - weltweit viele Nationen ihr militärisches Atomprogramm verfolgen und ausbauen, unterstützt von den nimmersatten Zulieferfirmen der reichen Industrieländer.

Seitdem hat unsere nukleare Kultur alle Kontinente überzogen, und sie hat im Wettlauf nach immer schrecklicheren Vernichtungswaffen kolonialherrenmäßig die an Vernichtung grenzende atomare Verseuchung von ganzen Territorien, Menschen, Ethnien und deren natürlichen Lebensgrundlagen verursacht. Dies bewerkstelligten die ausführenden Atommächte der westlichen und östlichen Welt, allen voran USA und Großbritannien, Frankreich, die Sowjetunion, die Volksrepublik China und Indien - durch Uranabbau, durch Atombombenabwürfe und Atomtests, durch fortwährende Anhäufung und Ablagerung des Atommülls und durch den Einsatz von Atomwaffen.

Aber der Fall-out, die radioaktive Verseuchung, verteilt sich demokratisch und macht auch vor den freiwilligen und unfreiwilligen Nutznießern der Atomenergie nicht halt. Fatale technische oder menschliche Fehler können niemals ausgeschlossen werden, und - seit dem 11. September -müssen wir realistischerweise auch Terroranschläge auf Atomanlagen für möglich halten.

Die atomaren Zerstörungen haben ihre Spuren für immer in unser Leben und in das zukünftiger Generationen eingegraben. Das verursachte Leid und die weltweiten atomaren Verseuchungen lassen sich nicht mehr tilgen; doch im Bewusstsein einer globalen kulturellen Fehlentwicklung können und müssen wir darauf hoffen, dass wir, die überall betroffenen Menschen, uns von den teuflischen Errungenschaften Atombombe und Atomkraftwerk auch wieder befreien können. Dafür bedarf es der gesammelten Kräfte von unten, auch der gesammelten Erinnerungskräfte! Denn nur durch das Erinnern, durch das Zulassen und Weitergeben der Erinnerungen werden wir die Gegenkräfte entwickeln können, aus der atomaren Sackgasse wieder auszubrechen in eine atomwaffen- und atomenergiefreie Zukunft. In dieser Zukunft würden wir uns - aus ökologischer Einsicht - von den fossilen und atomaren Energien unabhängig machen; und barbarische, eigennützige Kriege um das Öl und um andere Ressourcen in den armen Ländern würden überflüssig werden.

Werden wir so viel innere Energie entwickeln können, unsere dramatische kulturelle Verdrängungsleistung überhaupt erkennen zu wollen? Der Schriftsteller Carl Amery unterscheidet in einem Interview innere und äußere Energien und denkt über ihren Zusammenhang nach. Er sagt:

"..ich denke, die Gleichheit der Vokabeln sagt eine Menge aus. Man kann eine Gesellschaft von den inneren Energien her organisieren - oder eben, wie es zur Zeit alle industrialisierten Gesellschaften tun, von den äußeren Energien her. Die Abhängigkeit von den äußeren Energien wird um so geringer, je mehr innere Energien - Werte, Antriebe, Ziele, Spiritualität - eine Gesellschaft zu entfalten vermag. Hinter dem ökologischen steht also ein kulturelles Problem: die Erschlaffung der inneren Energie und die stetig wachsende Abhängigkeit von einer immer höher gerüsteten äußeren."

Aus dieser Sicht müssen wir uns ernsthaft - als einzelne und als Gesellschaft - fragen:
Wie erschlafft sind wir? Welche Werte, Antriebe, Ziele bewegen uns, und wie verbunden mit der wunderbaren Schöpfung können wir uns noch fühlen? Wie weit entfernt und unberührt sind wir von den anderen Betroffenen auf dieser einen Welt?

Und wie weit entfernt sind wir von uns selbst, wenn wir in einem Land mit 19 bundesweit verstreuten Atomkraftwerken trotz allen Wissens, trotz aller Erkenntnisse ein Atomgesetz verabschieden lassen, das den Weiterbetrieb von Atomkraftwerken noch über mindestens 20 Jahre garantiert und den der jetzt genehmigten und entstehenden oberirdischen Atommüll-Zwischenlager noch weitere 2o Jahre, ohne dass es bisher ein sicheres Endlager für den gigantisch anwachsenden Atommüllberg gibt?

Wollen wir das? 40 Jahre weiterleben mit der ständigen atomaren Bedrohung, mit dem uns übergestülpten so genannten Restrisiko, dessen Eintrittswahrscheinlichkeit sogar amtlicherseits mit 2 % berechnet wird? Wie hoch stufen wir unser im Grundgesetz verankertes Recht auf Gesundheit und Unversehrtheit ein? Was gilt es denen, die bereit sind Kriege zu führen, atomare Bewaffnung mit eingeschlossen? - Mehrere Atomwaffendepots befinden sich auf deutschem Boden. Auf Stützpunkten der Bundeswehr liegen 33 Atombomben einsatzbereit.

Warum sollte es nicht gelingen , mit wachsendem globalen Bewusstsein eine Initiative der größten WissenschaftlerInnen und DenkerInnen dieser Erde zusammenzubringen - nach dem Vorbild des "Manhattan Projekts" - , um uns wieder von diesem Irrsinn zu befreien?

Der atomkritische, unermüdliche, mutige und Mut machende Warner, Querdenker und Zukunftsforscher Robert Jungk, der heute noch öfter zu Wort kommen wird, hat - zweckoptimistisch - gesagt:

"Ich glaube, wir leben in der Epoche des Noch-Möglichen. (...) Es ist eine enorme Chance, dass man in einer solchen Zeit lebt, wo die Fehler der Zeit ganz deutlich werden und wo eine neue Zukunft entworfen werden kann."

Robert Jungk wäre im Mai dieses Jahres - in genau 14 Tagen - 90 Jahre alt geworden. Sein Sohn Peter Jungk, der uns die Texte seines Vaters zur Lesung frei gab, bat mich darum, Ihnen das heute zum Gedenken seines Vaters mitzuteilen.

Bevor wir beginnen, möchte ich allen Künstlerinnen und Künstlern und Prof. Lengfelder danken, dass sie bereit waren, uns heute Vormittag durch unser Programm zu führen.
An dieser Stelle möchte ich auch noch einmal allen danken, die dieses Vorhaben mit ihrem ganz persönlichen Einsatz unterstützt haben. Mein besonderer Dank gilt dabei dem Berliner Arzt Dr. Peter Hauber von "IPPNW Concerts", der bereits im Dezember in Berlin eine große Veranstaltung zum gleichen Thema organisiert hat und von dessen Textsammlung, Wissen, Arbeit und wohlwollender Begleitung ich bei meiner Textauswahl und Organisation dieser Veranstaltung sehr profitieren konnte.

Der Benefizerlös dieser Matinée ist für eine von Prof. Lengfelder betreute Klinik in Gomel / Weissrussland bestimmt. Seit der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl sind dort bisher über 80 000 Menschen medizinisch betreut worden.

Im Sinne unseres heutigen Mottos "Hören - Erinnern - Nachdenken" wünsche ich uns allen ein gutes Gelingen!