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Windkraft am Starnberger See

Ausgerechnet in einer Gemeinde am Starnberger See demonstriert am heutigen Samstag die windkraftfreundliche Hälfte der Bürger zusammen mit ihrem Bürgermeister für den Klimaschutz – und für den Ausbau der Windkraft. Die Gemeinde Berg mit dem Rathaus fast schon am Ufer der touristischen Perle hat noch ganz kurz vor dem Inkrafttreten der Windkraft blockierenden Landesregel 10 H einen eigenen Windpark errichtet. Eine Geschichte in vier Bildern.

Guter Wind am Starnberger See. Die Gemeinde Berg errichtet ihn bis Ende 2015: Just die Gemeinde, an der Bayerns historischer König Ludwig II. tot am Ufer aufgefunden worden ist - und wo in einer Kapelle die Bajuwaren heute noch einem daraus entstandenen Nationalmythos huldigen.

„Die Energiewende ist uns ganz, ganz wichtig“, sagt Bergs Bürgermeister Rupert Monn. „Wir wollen von ihr aber nicht nur reden, sondern auch handeln und den Strom da erzeugen, wo er verbraucht wird.“ Der parteilose Gemeindechef will mit seiner Teilnahme an der Demonstration am Samstagnachmittag auf einem knapp 150 Meter über dem Seespiegel gelegenen neuen Windparkstandort im Wald ein Zeichen setzen: Für den Kampf gegen den Klimawandel, über den zwei Tage später, am 30. November, auf dem Weltklimagipfel in der französischen Hauptstadt Paris verhandelt werden wird. Und für den weiteren Ausbau der Windenergie im Land. Denn in Bayern hat die Landesregierung mit einer 10 H genannten Regelung seit dem Herbst 2014 neue Windparkentwicklungen im Abstand von bis zu zwei Kilometern von jeglichem menschlichen Siedlungsgebiet komplett gebannt. Der Windpark dort auf der Höhe ist gerade fertig errichtet worden – und gehört zu 15 Prozent der Gemeinde Berg .

Die von Bürgermeister Monn und den Windenergieunterstützern in Berg kritisierte 10-H-Regelung verlangt konkret, dass neue Windparks einen Abstand zur nächsten Siedlung von mindestens der zehnfachen Gesamthöhe einer Windenergieanlage halten müssen. Weil moderne süddeutsche Binnenlandanlagen aufgrund von bergigen Topographien wie auch am Starnberger See fast immer auf Kammlagen in Wäldern stehen und ihre großen Rotoren über die unrentablen Strömungsturbulenzen direkt oberhalb der Baumwipfel strecken müssen, kommen sie auf Gesamthöhen von 200 Meter. Damit aber ist in dem durch viele Streusiedlungen geprägten Agrarland Bayern gar kein Raum mehr für neue Windparks sagen die Kritiker der CSU-Administration in München.

Bürgerwindpark kommt 10-H-Regel zuvor

Auch Bürgermeister Monn sieht es so. Zumal auch der Windpark der Bürger von Berg gegen die 10-H-Regel verstößt. Eigentlich. Denn die am weitesten vom See entfernte Anlage, in direkter Nachbarschaft zu einer Autobahn platziert, befindet sich nur 1.250 Meter vom Ortsrand der Nachbargemeinde-Ort Neufahrn entfernt. Allerdings hatte der Berger Gemeinderat den Antrag für den Windpark mit vier Binnenlandanlagen der Marke E-115 des Turbinenherstellers Enercon mit 206,5 Meter Gesamthöhe im Februar 2014 mit deutlicher Mehrheit beschlossen. Nach dem Antrag kam die Genehmigung der Behörden noch wenige vor dem 1. August, an dem die Regelung 10 H nach den ersten Plänen schon in Kraft treten sollte. Tatsächlich gilt 10 H in Bayern seit dem 21. November 2014. Von den schon Anfang 2014 bekannten Regierungsentwürfen der neuen Abstandsregelung ließ sich der Berger Gemeinderat mit einer Zustimmung von 20 Jastimmen gegen zwei Neinstimmen nicht beeindrucken.

Nun ist der Windpark bald ans Netz angeschlossen. Die Windturbinen sind errichtet und haben bei im Jahresdurchschnitt 5,9 Meter pro Sekunde Windgeschwindigkeit in Nabenhöhe mäßige, aber durchaus übliche süddeutsche Bedingungen. Laut Standortgutachten können die Anlagen hier mit bis zu etwas mehr als 2.300 Volllaststunden zwischen 25 und  28 Millionen Kilowattstunden jährlich erzeugen.

Investoren: Kommunen und Anwohner

Die Investoren sind 169 Kommanditisten, davon laut Bürgermeister Monn rund 30 Prozent Bürger aus dem Ort, die übrigen privaten Geldgeber stammen aus Nachbarorten. Auch die Gemeinde hat in die Windpark GmbH investiert und 15 Prozent des Eigenkapitals von 6,6 Millionen Euro angelegt – bei einem Gesamtpreis für den Windpark von gut 21 Millionen Euro. Das Waldgelände gehört den Bayerischen Staatsforsten, an die die Betreibergesellschaft eine Pacht bezahlt. Weitere Investoren sind eine Nachbargemeinde sowie die Stadtwerke der Kreisstadt Bad Tölz im Nachbarlandkreis. Projektiert hat die Vierturbinen-Anlage ein Ingenieurbüro aus dem nahe gelegenen Landsberg im Auftrag der Investoren.

Doch trotz großer Beteiligung von Bürger und Gemeinden: Proteste gab es von vielen Seiten. „Die Windräder werden vom Starnberger See aus zu sehen sein“, sagt Bürgermeister Rupert Monn. Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer hatte nach einer zwei- bis dreijährigen Phase massiver Unterstützung der Windkraft in Bayern 2013 eine Kehrtwende vollzogen, gerade weil konservative Gruppen im Land vor einer Zerstörung der althergebrachten Landschaft warnten. Dass ausgerechnet am traditionellen bayerischen Naherholungseldorado Starnberger See die Berger ihre Windräder errichten ließen, hatte massive Gegenwehr erzeugt. Noch nach der Beantragung der Windparkgenehmigung durch die Gemeinde Berg hatte eine Windkraftgegnergruppe aus dem benachbarten Starnberg ein Bürgerbegehren für einen Bürgerentscheid gegen den Windpark gestartet. Die erforderliche Unterschriftenzahl hatten die Windparkgegner erreicht. Doch der Gemeinderat konnte leicht darlegen, dass er eine gültige Genehmigung als Kommune nicht zurücknehmen könne. Protest von Nachbargemeinden regte sich ebenfalls, vor allem aus dem den Windkraftanlagen am nächsten gelegenen Ort Neufahrn.

Deshalb erst Recht, wollen die Bürger in Berg mit der Demonstration heute Position beziehen. „Der Windpark wird dem Tourismus hier nicht schaden“, sagt der Bürgermeister. „Man darf auch in einer besonderen Kulturlandschaft sehen, wo die Energie herkommt, die wir verbrauchen. Der Landkreis Starnberg besteht außerdem nicht nur aus Tourismus, sondern ist auch ein wirtschaftsstarker Standort“, endet das Plädoyer des Bürgermeisters. „Dazu gehört jetzt auch die Energie aus der Windkraft.“

(Tilman Weber)

Fotos: Regine Metz

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